Pressemitteilung 01/11
vom 04. Januar 2011
Der Teufel steckt im Detail
Verwaiste Werke: Aktionsbündnis mahnt Transparenz an
Berlin, den 04.01.2011 — Walter Benjamin ist frei, Selma Lagerlöf auch: Die Werke von Urhebern, die 1940 starben, dürfen seit dem 1. Januar von allen Interessenten veröffentlicht werden, denn 70 Jahre nach dem Tod erlischt das Urheberrecht.
Unklar ist die Lage dagegen bei sogenannten verwaisten Werken: Lassen sich die Urheber bzw. deren Todesdaten nicht ermitteln, ist es für Einrichtungen wie die Deutsche Digitale Bibliothek zu riskant, die Werke zu digitalisieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, denn wieder aufgetauchte Urheber könnten Schadenersatz und eine Rücknahme der Veröffentlichung verlangen. Große Teile des Kulturguts der Menschheit bleiben so für Bildung, Forschung, Kunst und Innovationen ungenutzt. In Europa sind nach vorsichtigen Schätzungen etwa 13 Prozent aller je erschienenen Bücher betroffen; bei audiovisuellen Werken wie Filmen wird der Anteil auf 30 bis 50 Prozent taxiert; unter den urheberrechtlich geschützten Fotografien gelten gar bis zu 90 Prozent als verwaist.
Der Deutsche Bibliotheksverband, der Börsenverein des deutschen Buchhandels, Autorenverbände und die Verwertungsgesellschaften Wort sowie Bild-Kunst haben kürzlich ein Lösungsmodell vorgestellt, das diese Rechtsunsicherheit beheben soll. Der Deutsche Kulturrat hat in einer Resolution eine zügige Regelung angemahnt, und die SPD-Bundestagsfraktion hat am 30.11.2010 einen entsprechenden Gesetzentwurf eingebracht: Das Urheberrechtswahrnehmungsgesetz soll so geändert werden, dass die Verwertungsgesellschaften beispielsweise Bibliotheken Nutzungsrechte für die elektronische Vervielfältigung und öffentliche Zugänglichmachung einräumen dürfen, sofern eine sorgfältige Suche ergeben hat, dass bei geschützten Werken die Rechteinhaber nicht mehr zu ermitteln sind.
Doch der Teufel steckt im Detail: Wie die sorgfältige Suche auszusehen hat, nach der Werke als verwaist eingestuft werden, bleibt im Gesetzentwurf offen. Der SPD-Fraktion zufolge soll dies dem technischen Wandel Rechnung tragen. Anzuwenden seien die Suchkriterien, auf die sich die beteiligten Kreise verständigt hätten — z. B. der Abgleich mit dem Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB), dem Verlagsarchiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels oder den Datenbanken der Verwertungsgesellschaften. Die Suche nach dem Rechteinhaber erleichtern könnte auch die Entwicklung eines zentralen Datenbank-Systems, das alle relevanten Informationen über ‚verwaiste Werke’ der einzelnen Mitgliedstaaten bereithält.
Dazu bemerkt der Sprecher des Aktionsbündnisses Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft, Prof. Dr. Rainer Kuhlen: Der derzeit diskutierte Lösungsvorschlag stellt hohe Anforderungen an die sorgfältige Suche. Ob die gewünschte Massendigitalisierung so zu erreichen ist, bleibt fraglich. Der Börsenverein, die Verbände und Verwertungsgesellschaften behaupten seit geraumer Zeit, sie hätten sich auf einen realistischen Suchplan geeinigt, aber die Öffentlichkeit bekommt diesen nicht zu Gesicht.
Die Anhörung zu den verwaisten Werken, die im Oktober 2010 im Bundesministerium der Justiz stattfand, ist auf der BMJ-Website nicht dokumentiert. Ob die Vereinbarung Expertenbedenken Rechnung trägt, lässt sich so nicht beurteilen. Auch eine ausführliche Beschreibung des Lösungsvorschlags durch den Geschäftsführer der VG Wort, vom Börsenverein für Oktober 2010 angekündigt, wurde bislang nicht veröffentlicht. Im 12-Punkte-Papier zum Schutz geistigen Eigentums, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann im November 2010 vorstellte, ist ebenfalls nur allgemein von einem Verfahren zur Nutzung verwaister Bücher die Rede, das die Verwertungsgesellschaften Wort und Bild-Kunst, Bibliotheken und der Börsenverein gemeinsam vorgeschlagen hätten; für andere Bereiche des kulturellen Erbes gibt es offenbar noch keine geeigneten Lösungen.
Ein politisches Verfahren, in dem Gesetzentwürfe vermeintliche Detailfragen ausklammern, weil sich angeblich alle Beteiligten bereits geeinigt hätten, diese Einigung aber nicht veröffentlicht wird, ist intransparent und weckt verständlicherweise Misstrauen, stellt Kuhlen fest. Diese Skepsis gilt erst recht für komplexe Werke außerhalb des Buchsektors wie Filmen, bei denen eine sorgfältige Suche so aufwändig zu werden droht, dass sich niemand an die Digitalisierung heranwagt. Dann liefe die Absichtserklärung der Politik, dass Bibliotheken und Archive ihre Bestände massenhaft digitalisieren und in der Deutschen Digitalen Bibliothek und der Europeana verfügbar machen sollen, ins Leere. Wie soll der Bundestag über einen Gesetzentwurf zur Behandlung verwaister Werke aller Art befinden, solange nicht einmal ansatzweise definiert ist, welche Quellen zur Urhebersuche herangezogen werden müssen oder nach welchem Zeitraum eine Suche abgebrochen werden darf?
Bereits 2007 hat das Aktionsbündnis vorgeschlagen, die Hürden für eine Veröffentlichung verwaister Werke mit einer dokumentierten Standardsuche oder einer 30-tägigen Bekanntmachungsfrist deutlich niedriger anzusetzen. Kuhlen empfiehlt dringend, die Bedenken zahlreicher Bibliothekare und Archivare gegenüber dem vagen Konzept der ‚sorgfältigen Suche’ ernst zu nehmen und konkrete Suchpläne zur Diskussion zu stellen, statt weiter hinter verschlossenen Türen zu verhandeln. Außerdem müsse sichergestellt werden, dass die Verwertungsgesellschaften keine exklusiven Nutzungsrechte für die Vervielfältigung und Zugänglichmachung verwaister Werke einräumen dürfen: Einen wertvollen Teil unseres kulturellen Erbes mühsam bergen und ihn dann gleich wieder wegschließen — das geht nicht an.
Prof. Dr. Rainer Kuhlen
Sprecher des Aktionsbündnisses Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft
The Coalition for Action "Copyright for Education and Research"
(http://www.urheberrechtsbuendnis.de/) was founded in 2004 in connection with
the amendment of copyright legislation in Germany. The Coalition for Action
lobbies for a balanced copyright and demands free access to worldwide
information at any time from anywhere for everybody active in public education
and research. The Coalition for Action is based on the Göttingen Declaration on
Copyright for Education and Research of 5 July 2004. Six members of the alliance
of German research organizations (Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der
angewandten Forschung e.V., Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren
e.V., Hochschulrektorenkonferenz, Max-Planck-Gesellschaft,
Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. and Wissenschaftsrat),
more than 365 learned societies, federations and institutions as well as more
than 7,200 individuals were subscribers to this declaration.
Further information on the topic of a Copyright for Education and Research can be
found at IUWIS.
|
| Next Relevant Dates |
Decemter 8 – 9, 2011:
Fair, open & sustainable: Ein Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft!
Jahrestagung des Aktionsbündnisse in Oldenburg
(more...)
|
News  |
November 17th 2011:
Wissenschaftsschranke im Urheberrecht (§ 52a) durch Wissenschaftsklausel ersetzen
(more...)
|
October 3rd 2011:
Breite Unterstützung für umfassende Verbesserung des Urheberrechts für Bildung und Wissenschaft: Auswertung einer Befragung vorgestellt
(more...)
|
August 24th 2011:
Stellungnahme zum Richtlinienvorschlag der EU-Kommission über bestimmte zulässige Formen der Nutzung verwaister Werke
(more...)
|
July 19th 2011:
Survey on the expectations in education and research on demands to the Copyright Act
(Questionnaire...)
|
June 29th 2011:
Perspektiven für den Dritten Korb durch die Enquete-Kommission des Bundestags
(more...)
|
March 23rd 2011:
Google bleibt beim Urheberrecht am Ball mit Perspektive 2035 — Einiges sollte jetzt schon möglich sein!
(more...)
|
March 17th 2011:
Chancen für eine Annäherung an ein Zweitverwertungsrecht im Urheberrecht durch SPD-Gesetzentwurf
(more...)
|
February 27th 2011:
Folgen aus dem Fall Guttenberg — Wissenschaft wehrt sich gegen Bagatellisierung
(more...)
|
January 4th 2011:
Der Teufel steckt im Detail — Verwaiste Werke: Aktionsbündnis mahnt Transparenz an
(more...)
|
December 13th 2010:
IGEL: Die Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht startet mit vielen Unterstützern
(more...)
|
September 21st 2010:
Aktionsbündnis warnt vor Informationsvernichtung aus vorauseilendem Gehorsam
(more...)
|
July 15th 2010:
Aktionsbündnis zieht positives Resümee der 2. Anhörung, sieht aber weiteren Handlungsbedarf für Bildung und Wissenschaft
(more...)
|
July 6th 2010:
Aktionsbündnis stellt seinen Entwurf einer Wissenschaftsschranke im Urheberrecht vor
(more...)
|
June 30th 2010:
Mit ENCES (European Network for Copyright in Support of Education and Science) wurde eine wichtige
Interessenvertretung gegründet.
(more...)
|
June 29th 2010:
Ein Leistungsschutzrecht ist für Presse- und Schulbuch-Verlage ist nicht zu rechtfertigen, wie die Anhörung
des BMJ am 28. Juni 2010
(more...)
|
June 15th 2010:
Stellungnahme des Aktionsbündnisses zur Rede der Bundesjustizministerin
(more...)
|
June 14th 2010:
Die Bundesjustizministerin hielt heute ihre Berliner Rede zum Urheberrecht:
[Manuskript der Rede]
[Materialsammlung von IUWIS zum 3. Korb]
Eilmeldung: Stellungnahme des Aktionsbündnisses zur Rede der Ministerin
|
Februar 4th 2010:
Die freie Nutzung des mit öffentlichen Mitteln produzierten Wissens muss jedermann möglich sein. Eine Zusatzpetition an den Deutschen Bundestag.
(more...)
|
January 7th 2010:
Das Aktionsbündnis bezieht zum Strategiepapier der EU-Kommission zu Creative Content in a European Digital Single
Market: Challenges for the Future Stellung.
(more...)
|
December 10th 2009:
Das Aktionsbündnis kann das Urteil des OLG Frankfurt
in Sachen § 52b UrhG nicht als angemessen oder gar zukunftsweisend akzeptieren.
(more...)
|
November 30th 2009:
Nachschau der Jahrestagung
Vortragsfolien,
Pressemitteilung
|
November 18th 2009:
Google Settlement Version 2 bietet noch Optionen für die Wissenschaft, droht jedoch Europa aus der Sichtbarkeit zu drängen.
(more...)
|
November 14th2009:
Aktionsbündnis beantwortet die öffentlichen Fragen der EUROPEANA zu ihrer strategischen Ausrichtung
(more...)
|
November 12th 2009:
Flyer zur Unterstützung der Open Access Petition publiziert.
(download A5 or
A4 for duplex printout)
|
November 10th 2009:
Unterstützung der Bundestags-Petition Wissenschaft und Forschung - Kostenloser Erwerb wissenschaftlicher Publikationen
(more...)
|
October 27th 2009:
Das Aktionsbündnis begrüßt die Absicht der zukünftigen Bundesregierung, das Urheberrecht weiterzuentwickeln.
(more...)
|
October 8th 2009:
Die zukünftige Bundesregierung muss sich der Herausforderung stellen,
über das Urheberrecht die Kreativität der Wissenschaft und die
Innovationsfähigkeit der Wirtschaft zu sichern
(more...)
|
September 26th 2009:
Antworten der CDU/CSU Bundestagsfraktion und der Piraten Partei auf Wahlprüfsteine ergänzt:
(answers)
|
September 21st 2009:
Kollektiver Widerspruch gegen VG Wort-Zwangsvertretung im Google Book Search
(press release)
|
September 21st 2009:
Das Aktionsbündnis stellt Antworten der Parteien auf seine Wahlprüfsteine vor — Entscheidungsrelevante Divergenzen sind auszumachen
(answers and synopsis)
(press release)
|
September 4th 2009:
Handlungsempfehlungen für Wissenschaftler zur Rechteübertragung an die VG WORT publiziert
(letter)
(press release)
|
September 2nd2009:
Das Aktionsbündnis hat einen Amicus Curiae-Brief an das für das GBS Settlement zuständige Gericht geschickt.
(letter)
(press release)
|
September 1st 2009:
Das Aktionsbündnis hat einen Amicus Curiae-Brief an das für das GBS Settlement zuständige Gericht geschickt.
(more...)
|
August 21st 2009:
Aktionsbündnis in direkten Verhandlungen mit Google Inc. wegen GBS
(more...)
|
July 28th 2009:
Aktionsbündnis sendet Wahlprüfsteine an die Fraktionsgeschäftsstellen der im Bundestag vertretenen Parteien mit der Aufforderung zur Beantwortung.
|
June 13th 2009:
Stellungnahme des Aktionsbündnisses zur Anfrage des Bundesministeriums der Justiz
vom 19. Februar 2009: Urheberrecht Dritter Korb
(more...)
|
June 5th 2009:
Nicht-Zustimmung zu der von der VG Wort angestrebten Wahrnehmung der Rechte wissenschaftlicher Autorinnen und Autoren
gegenüber Google Inc. bzw. Google Book Search:
Recommendations,
Press Release
|
May 11th 2009:
Nachlese des Sprechers Rainer Kuhlen zur Urheberrechtskonferenz des BMJ
(more...)
|
May 4th 2009:
Empfehlung an die Unterzeichner, und alle anderen Wissenschaftler, zum Verhalten gegenüber dem
Google Book Settlement publiziert und verschickt
(more...)
|
April 27th 2009:
Stellungnahme zur Heidelberger Erklärung publiziert
(more...)
|
March 25th 2009:
Was ist uns Wissenschafts- und Publikationsfreiheit wert?
(more...)
|
October 20th 2008:
Bildungsgipfel ohne Informationsfreiheit nur eine Schimäre
(more...)
|
July 24th 2008:
Vorsichtiger Optimismus — Bewegung im europäischen Urheberrecht? Ein neues Grünbuch der EU-Kommission
(more...)
|
| Relevant Links |
Press Releases
of the Coalition of Action
|
IUWIS
project is developing a social networking for the topic of copyright in
education and research (temporary website).
|
|
|